Podcast erstellt mit KI.
„Die ewige Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit.“
— John Philpot Curran (oft auch Thomas Jefferson zugeschrieben)
Herzlich willkommen!
Meine Damen und Herren, es sind turbulente Zeiten, die wir gerade an der Börse erleben. Die Volatilität ist hoch, die Euphorie und Panik liegen sehr nah beieinander. Am letzten Freitag, dem 31.07.2026, stieg der südkoreanische Kospi-Index (Korea Composite Stock Price Index) um knapp 18%, und das an einem einzigen Tag. Heute, am Montag, dem 03.08.2026, also am nachfolgenden Handelstag, als ich diesen Artikel schreibe, liegt der Kospi-Index bei 5,12% im Minus. Es ist wohlgemerkt ein Index eines technologisch hoch entwickelten Landes, kein hoch spekulativer Small Cap Growth Wert.
Auf Jahresbasis gesehen liegt der Kospi mit knapp 100% im Plus.

Was macht den Kospi-Index so besonders und so volatil? Das sind die Einzelwerte, aus welchen sich der Index zusammensetzt. Seine zwei größten Einzelpositionen sind
1. Samsung Electronics (Halbleiter & Elektronik), Indexgewichtung ca. 25% - 30%
2. SK Hynix (Halbleiter & Elektronik), Indexgewichtung ca. 20% - 26%
Das heißt, ca. die Hälfte des Indexes machen 2 Unternehmen aus, welche als massive Profiteure des aktuellen KI-Booms gelten.
Betrachtet man die Kursentwicklungen der letzten Monate dieser beiden Werte, dann wird einem schwindlig. Die Jahresperformance von Samsung Electronics ist ca. 220%, von SK Hynix ca. 490%.


Noch beeindruckender ist die Jahresentwicklung der US-Firma SanDisk (Ticker SNDK:NASDAQ), ca. 2.600%. Dabei ist das Unternehmen, eine im Februar 2025 erfolgte Ausgliederung aus Western Digital, erst seit 15 Monaten eigenständig an der Börse.

Und die Liste der Halbleiterunternehmen, die eine erstaunliche Performance aufweisen, kann weiter fortgeführt werden: AMD, Broadcom, etc.
Setzt man den Halbleiterindex „PHLX Semiconductor Index“ im Verhältnis zu Nasdaq 100 und S&P 500, dann ergibt sich folgendes Bild.

Der Grund dieser fulminanten Entwicklung ist der anhaltende KI-Boom, den wir seit ungefähr einem Jahr an der Börse erleben, ausgelöst in erster Linie durch die massiven Investitionen in die KI-Infrastruktur und getrieben durch die Spekulationsfantasien der Börsenteilnehmer.
Vor dem massiven Anstieg des Kospi-Indexes am letzten Freitag sind die Chipwerte stark unter Druck geraten. Das sieht man auch in den o.g. Charts. Der Grund der starken Volatilität ist die angespannte Stimmung an der Börse, was den KI-Markt, Investitionen in diesen Markt und seine Weiterentwicklung angeht. Es sind die Ausgaben der Hyperscaler, die die Bewertung in die Höhe treiben und das Misstrauen einiger Marktteilnehmer, ob sich diese Ausgaben jemals rechnen werden.
Hyperscaler sind sehr große Cloud- und Infrastruktur-Anbieter, die Rechenleistung, Speicher und Netzwerke in sehr großem Umfang bereitstellen; typische Beispiele sind Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google Cloud, oft auch Alibaba Cloud und Meta werden dazu gezählt.
Ihre Investitionen (CapEx) in die Rechenzentren samt allen dazugehörigen Komponenten liegen nach Schätzungen im Jahr 2026 je nach Quelle grob zwischen 600 und 805 Mrd. US-Dollar, mit einer häufig genannten Spanne um 725 Mrd. US-Dollar. (Quelle: https://www.digital-chiefs.de/hyperscaler-capex-725-milliarden-dach-cio-budget-cloud/).
Etwa 75% dieser Ausgaben werden laut mehreren Berichten in die KI-Infrastruktur gesteckt, also GPUs, spezialisierte Chips, Rechenzentren und Netzwerktechnik. Das zeigt: Der Investitionsschub ist nicht nur “Cloud-Wachstum”, sondern vor allem ein KI-Boom in physischer Infrastruktur. (Quelle: https://introl.com/blog/hyperscaler-capex-600b-2026-ai-infrastructure-debt-january-2026).
Circular Financing
Die Hyperscaler und Chipfirmen wie Nvidia beteiligen sich an den KI-Firmen wie OpenAI und Anthropic, damit diese die Chips und Rechenleistung bei ihnen kaufen. Das wird auch als „Circular Financing“, „Vendor Financing“ oder „Revenue Round-Tripping“ bezeichnet.
So beschreibt das Portal IT Boltwise im Artikel „BIZ warnt vor Überkapazitäten und Schuldenrisiken im KI-Sektor: NVIDIA im Fokus“ vom 15.07.2026, dass die Chiphersteller und Hyperscaler die Anteile an KI-Labors oder „Neoclouds“ übernehmen, während diese im Gegenzug mehrjährige Abnahmeverpflichtungen für Chips oder Rechenleistung eingehen (Quelle: https://www.it-boltwise.de/biz-warnt-vor-ueberkapazitaeten-und-schuldenrisiken-im-ki-sektor-nvidia-im-fokus.html). Die Abkürzung BIZ steht für die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die vor einem möglichen KI-Überinvestitionszyklus warnt und in diesem Artikel zitiert wird.
Im Artikel „A Guide to the Circular Deals Underpinning the AI Boom” zeigt Bloomberg graphisch die Verflechtungen zwischen den Unternehmen. (Quelle: https://www.bloomberg.com/graphics/2026-ai-circular-deals/).
YahooFinance zitiert am 14.07.2026 Bloomberg mit der Überschrift „AI Investment Race Could Turn Debt-Fueled Boom to Bust, BIS Says“. Auch in diesem Artikel ist nachzulesen, dass Verschuldung und finanzielle Verflechtungen zwischen Hyperscalern und KI-Unternehmen das Risiko von großen Turbulenzen erhöhen, wenn die Produktivitätsgewinne die Investitionen nicht rechtfertigen. (Quelle: https://finance.yahoo.com/technology/ai/articles/ai-investment-race-could-turn-120000227.html).
Kurz gesagt bedeutet Circular Financing:
Gegenseitige Beteiligungen: Investoren geben Kapital, und das Geld fließt dann über Cloud-/Chip-Verträge wieder zurück an die Investoren.
Umsatz-Push für Hyperscaler: Durch langfristige Cloud- und Infrastrukturverträge buchen Hyperscaler große, planbare Umsätze, weil KI-Firmen ihre Rechenleistung und Chips dort kaufen müssen.
Risiken: Wenn KI-Umsätze oder Gewinne langsamer wachsen als erwartet, können solche Deals zu Fehlanreizen, aufgeblähten Bewertungen, Bilanzrisiken und stärkeren Verlusten bei einer Korrektur führen.
Ob dies ein nachhaltiges, gesundes unternehmerisches Wirtschaften ist? Die Beurteilung überlasse ich Ihnen.
Kreditfinanzierte Aktienkäufe
Dazu kommt, wie das Handelsblatt in der Ausgabe vom 03.08.2026 berichtet, dass die Summe der kreditfinanzierten Aktienkäufe in den USA weiter anwächst. Im Juni sollen die Wertpapierkredite auf 1,5 Billionen Dollar angestiegen sein. Auf Jahressicht, so das Handelsblatt, ist es ein Anstieg von fast 50%.
Die nachfolgende Tabelle verdeutlicht diese Entwicklung.

Was bedeuten die Tabellenspalten:
Debit Balances in Customers' Securities Margin Accounts: das ist die Summe der Margin-Schulden, also der Betrag, den Kunden gegen ihre Wertpapierdepots geliehen haben.
Free Credit Balances in Customers' Cash Accounts: nicht investierte Kundengelder in Cash-Konten, die den Kunden sofort zur Verfügung stehen
Free Credit Balances in Customers' Securities Margin Accounts: freie Guthaben innerhalb von Margin-Konten, die ebenfalls kundenverfügbare Verbindlichkeiten der Broker darstellen.
Aus den Zahlen der ersten Spalte kann man die Entwicklung der kreditfinanzierten Aktienkäufe entnehmen.
Die steigende Zahl kreditfinanzierter Aktienkäufe bedeutet vor allem: Immer mehr Marktteilnehmer nutzen Hebel, um Aktien mit geliehenem Geld zu kaufen. Das verstärkt Aufwärtsbewegungen, macht den Markt aber auch anfälliger für abrupte Rückgänge und Margin Calls, wenn Kurse fallen.
Daraus resultiert die erhöhte Volatilität. Steigen Kurse weiter, kann der Hebel die Rally verlängern; kippen die Kurse, können Zwangsverkäufe den Abwärtsdruck verstärken. Genau deshalb wird ein stark wachsendes Margin Debt oft als Stimmungs- und Risikobarometer gelesen, noch nicht als direkter Crash-Beweis.
KI als Commodity
Im Beitrag „AI wie in AI-rlines? Schlecht für die Hyperscaler – gut für Sie“ in TheMarket am 27.07.2026 stellt Thierry Borgeat (einer der Gründungspartner von arvy, einer Investmentgesellschaft in Zürich, die sich auf globale Qualitätsaktien spezialisiert hat) die Frage, ob sich die o.g. Investitionen je auszahlen werden. (Quelle: https://themarket.ch/makro-maerkte/ai-wie-in-ai-rlines-schlecht-fuer-die-hyperscaler-gut-fuer-sie-ld.17338).
Er zieht dabei eine Parallele zwischen der heutigen KI-Branche und der historischen Luftfahrtindustrie: Obwohl die kommerzielle Luftfahrt die Welt veränderte, verdienten die Aktionäre der Fluggesellschaften kaum Geld – wegen hoher Fixkosten und eines harten Preiskampfs. Ein ähnliches Schicksal droht seiner Meinung nach nun den US-Tech-Giganten (Hyperscalern), während Anwender und konsumierende Unternehmen die eigentlichen Gewinner der KI-Revolution sind.
Durch die gigantischen Fixkosten bricht der freie Cashflow (FCF) der Hyperscaler ein. Prognosen zufolge könnte der aggregierte FCF der Branchenriesen bis 2027 sogar negativ werden.
Dazu kommt ein verstärkter Wettbewerb aus Fernost. Chinesische Labore und Konzerne (z. B. Moonshot, DeepSeek, Baidu, Huawei) bieten vergleichbare KI-Modelle extrem günstig an. Während US-Frontier-Modelle etwa 25 bis 50 USD pro Mio. Tokens verlangen, verlangt DeepSeeks V4 Flash nur 0,28 USD (28 Cents).
Aus KI wird Massenware: Erreicht ein günstiges Modell die „Good Enough“-Schwelle (z. B. 90 % der Leistung für 1 % des Preises), wird künstliche Intelligenz zur veräußerbaren Massenware (Commodity) – wie Strom oder Flugtickets.
Früher dominierten die Tech-Riesen eigene, getrennte Reviere (Google: Suche, Meta: Social Media, Microsoft: Enterprise, Amazon: E-Commerce), wo sie unangefochten Marktführer waren. Heute bauen alle dasselbe Produkt (KI) und buhlen um dieselben Kunden- und Werbedollar. Es entsteht ein klassisches Gefangenendilemma: Wer die Investitionen bremst, verliert den Anschluss; wer weiter ausgibt, vernichtet Marge.
Damit sendet Thierry Borgeat folgende Botschaft: Das Geld wird künftig nicht bei den Herstellern teurer KI-Infrastruktur verdient, sondern bei jenen Unternehmen, die billige KI am effektivsten anwenden.
Ich persönlich finde die Argumente von Thierry Borgeat sehr plausibel und teile seine Meinung. Was denken Sie?
Wettbewerb aus China
Wie bereits erwähnt, erfahren die Frontier Modelle der US-Firmen OpenAI, Anthropic, Alphabet zunehmenden Wettbewerbs- und Preisdruck aus China. Die chinesischen Anbieter holen schnell auf und bieten ihre Modelle zu einem Bruchteil des Preises der US-Flagships an.
So ist z.B. im Beitrag „Chinas KI-Modelloffensive: Moonshots Kimi K3 setzt die US-Konkurrenz unter Druck“ des Portals IT Boltwise nachzulesen, wie stark das chinesische KI-Modell Kimi K3 ist und sich in vielen Bereichen, wenn noch nicht in allen, der US-Konkurrenz ebenbürtig. (Quelle: https://www.it-boltwise.de/chinas-ki-modelloffensive-moonshots-kimi-k3-setzt-die-us-konkurrenz-unter-druck.html).
Dies bestätigen auch diverse Testberichte. So schreibt die tagesschau am 17.07.2026: „Moonshot gibt an, dass "Kimi K3" bei komplexen Aufgaben mit den neuesten Modellen von OpenAI und Anthropic mithalten könne. Das Unternehmen verwies auf die Ergebnisse von Tests, die zeigten, dass Kimi K3 zumindest bei Programmieraufgaben und komplexen Anwendungen Modelle wie Claude Opus 4.8 von Anthropic und GPT 5.5 von OpenAI übertreffe.
Gleichzeitig räumte Moonshot AI ein, dass das neue System insgesamt noch leicht hinter den absoluten US-Spitzenmodellen - namentlich Claude Fable 5 und OpenAIs brandneuem GPT-5.6 Sol - zurückbleibe, der Abstand schrumpfe jedoch rasant.
Nach Einschätzung des Analysehauses Artificial Analysis erreicht das System bei anspruchsvollen Anwendungen jedoch ein vergleichbares Leistungsniveau. Das US-Testunternehmen Vals AI ordnet das Modell ebenfalls im Spitzenfeld aktueller KI-Systeme ein.“ (Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/ki-konkurrenz-china-usa-100.html).
Halten wir fest: Die chinesischen Modelle liegen noch hinter der US-Konkurrenz, holen aber schnell auf. Es ist abzusehen, dass sich dieser Trend fortsetzt und China, wie es bereits bei vielen anderen Technologien der Fall ist (Automotive, Batterien, etc.). Die KI-Modelle aus Fernost werden weiter aufholen und aggressiv angreifen. Für US-Anbieter bedeutet diese Entwicklung den steigenden Preiswettbewerb und die sinkenden Margen.
Erinnerung an die Finanzkrise
Viele Analytiker ziehen Parallelen zu der DotCom-Blase aus dem Jahr 2000 und dem darauffolgenden Crash. Mich persönlich erinnern einige heutige Entwicklungen mehr an einen Mix aus der DotCom-Blase und der Finanzkrise 2008.
In der Finanzkrise wussten viele Marktteilnehmer, dass die Börsenlage zu gut ist, um wahr zu sein, dass der Zahltag für die Euphorie kommen würde, und nur wenige sind vorzeitig ausgestiegen, weil die Gewinne, solange der Zug fuhr, einfach zu prächtig waren. Nun, heute wissen wir, wie die Geschichte 2008 ausgegangen ist.
Auch heute scheint es nicht anders zu sein als damals. Noch geht die Party weiter, noch investieren die Hyperscaler massiv in den Ausbau der Rechenzentren und in alles, was dazu gehört (Chips, Stromversorgung, Netzwerke, Infrastruktur, etc.). Allein Alphabet, Amazon und Microsoft werden dieses Jahr voraussichtlich ca. 500 Milliarden Dollar ausgeben. Und auch heute gibt es mehr als genug warnende Stimmen, die vor einem Crash warnen.
In der Ausgabe vom 03.08.2026 berichtet das Handelsblatt im Artikel „Landen Metas Schulden bald in deutschen Sparpolicen?“ darüber, wie die Finanzprofis die KI-Milliardeninvestitionen aus den Bilanzen der Tech-Konzerne weghalten. Das Risiko tragen am Ende die Investoren, wie z.B. der deutsche Versicherungskonzern Allianz.
Zentralthesen des Handelsblatt-Artikel sind:
Verschleierte KI-Kosten: Tech-Konzerne (wie Meta) nutzen neue Finanzierungswege, um ihre Milliardeninvestitionen für Künstliche Intelligenz aus den eigenen Unternehmensbilanzen herauszuhalten.
Zweckgesellschaften als Instrument: Dafür werden Konstrukte wie die Zweckgesellschaft „Beignet Investor LLC“ eingesetzt, die im Oktober 2025 eine Rekordanleihe in Höhe von 27,3 Milliarden Dollar aufnahm und damit als Vorbild für ähnliche Papiere gilt.
Risikoverlagerung: Durch diese Konstrukte wird verschleiert, wer das Geld am Ende erhält, während das finanzielle Risiko auf Akteure wie die Allianz und letztendlich auf deren Endkunden (etwa über deutsche Sparpolicen) abgewälzt wird.
Und wer ist der Käufer solcher Anleihen? Unter anderen die Allianz-Tochter PIMCO. Pacific Investment Management Company (PIMCO), LLC ist eine der Allianz gehörende Investmentgesellschaft mit Sitz in Newport Beach im US-Bundesstaat Kalifornien, die sich auf Anleihen spezialisiert.
Wenn ich diesen Artikel lese, dann werden bei mir die Erinnerungen an die Finanzkrise 2008 wieder wach, als damals die risikoreichen Kredite mit anderen Krediten gebündelt, in Finanzprodukte wie MBS (Mortgage-Backed Securities) oder CDOs (Collateralized Debt Obligations) verpackt und weltweit an Investoren, Pensionskassen und Banken verkauft wurden.
KI-Blase, die Sicht eines Historikers
Ich bin seit einigen Jahren ein großer Fan des britischen Historikers Edward Chancellor. Er ist Autor von Büchern wie «Devil Take the Hindmost: A History of Financial Speculation», «The Price of Time: The Real Story of Interest» sowie Ko-Autor von «The Making of a Permabear» mit Jeremy Grantham. Bis 2014 war er Mitglied des Asset-Allocation-Teams beim Bostoner Asset Manager GMO. Chancellor ist Kolumnist für «Reuters Breakingviews» und hat Beiträge für Publikationen wie das «Wall Street Journal» und die «Financial Times» verfasst.
In einem Interview mit TheMarket, das unter dem Namen «Um das Thema KI hat sich eine Blase gebildet – und sie wird implodieren» am 17.07.2026 erschien, warnt er vor einer massiven Spekulationsblase rund um künstliche Intelligenz und verwandte Tech-Sektoren. Auch wenn KI eine transformative Technologie sei, folge der aktuelle Investitionsboom den typischen Verhaltensmustern historischer Blasen (wie den Eisenbahnen im 19. Jahrhundert oder der Dotcom-Blase 2 im Jahr 2000) und stehe vor einer schmerzhaften Marktbereinigung.
Er ordnet die aktuelle Entwicklung historisch ein und spricht von einem wiederkehrenden Schema: Enorme Investitionsschübe in neue Technologien führen zu extremem Wettbewerb, der die Gewinne der Marktteilnehmer langfristig gegen null drückt. Dies haben schon der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter und der amerikanische Autor Tim Wu in seinem Buch mit dem Titel „The Master Switch“ beschrieben.
Typische Warnsignale sind exzessive Bewertungen (z. B. SpaceX oder OpenAI), der Fokus auf gigantische adressierbare Märkte (TAM), eine hohe Spekulationsbereitschaft von Privatanlegern sowie stark selbstdarstellerische Führungspersönlichkeiten (Musk, Altman, Amodei).
Er spricht auch das Thema Circular Financing an, was wir in diesem Artikel bereits oben behandelt haben. Anstelle des klassischen Vendor Financing der Dotcom-Ära herrscht heute Vendor Investing: Tech-Konzerne (Microsoft, Amazon, Nvidia) investieren Milliarden in KI-Start-ups (OpenAI, Anthropic), die dieses Geld im Gegenzug direkt wieder für deren Cloud-Dienste und Chips ausgeben. Unprofitable Akteure im Zentrum des Ökosystems (OpenAI erwartet ca. 25 Mrd. $ negativen Cashflow) sind auf immer weiter steigende Bewertungen angewiesen, um ihre Verpflichtungen zu bedienen. Stagnieren die Bewertungen, droht ein Kartenhaus-Effekt durch Stornierungen.
Auch die Annahme, dass die Chipaktien günstig sind, ist eine Illusion für Chancellor. Halbleiter-Aktien wirken gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) oft günstig. Grund dafür ist, dass Hyperscaler ihre Investitionen über 5 bis 7 Jahre abschreiben, während Zulieferer die Umsätze sofort verbuchen. Die Gewinne der Chip-Hersteller sind nicht dauerhaft garantiert, da massive neue Kapazitäten entstehen und chinesische Konkurrenten auf den Markt drängen.
Und auch Edward Chancellor bestätigt die These der Commoditisierung der KI. Große Sprachmodelle (LLMs) unterscheiden sich kaum voneinander und entwickeln sich zur Massenware (Commodity). Dadurch sinken die Preise Richtung Grenzkosten, was angemessene Kapitalrenditen verhindert. Chinesische Open-Source-Alternativen erreichen bei 90 bis 98 % geringeren Kosten bereits rund 90 % der Leistung führender US-Modelle.
Er rechnet mit einer Implosion im Zentrum des KI-Ökosystems. Er betont explizit, er weiß nicht, wann es passieren wird, und dass der Zeitpunkt unmöglich vorherzusagen ist, aber es wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit passieren. Da die Staaten und Zentralbanken heute deutlich geringere fiskal- und geldpolitische Spielräume haben als in den Krisen von 2000 oder 2008, könnte der bevorstehende Einbruch für Investoren besonders schmerzhaft werden. Insiderverkäufe bei Unternehmen wie OpenAI, Anthropic oder CoreWeave deuten laut Chancellor bereits darauf hin, dass informierte Akteure beginnen, Risiken abzubauen.
Ich persönlich finde die Analyse von Edward Chancellor sehr plausibel und folge seinen Argumenten.
Fazit
Nun, wir haben in diesem Artikel gesehen, dass die aktuelle KI-Rally zwar noch voll im Gang ist, auch wenn es schon Rücksetzer gab, die Risiken eines massiven Rückgangs bis zu einem Crash von Tag zu Tag zunehmen.
Für die Investoren bedeutet das: wachsam bleiben und mit Bedacht handeln. Entweder man lässt das Thema KI-Investment (Hyperscaler, Chipwerte, etc.) sein oder man behält das Risikomanagement sehr stark im Auge.
Auch wenn Sie in keine Hyperscaler und Chipwerte direkt investiert sind, können sich die Risiken in den ETFs stecken. Die meisten Anleger haben mindestens ein ETF in ihrem Portfolio. Dabei kann der Anteil dieser hochgepushten KI- und Chip-Werte im ETF erheblich sein. So hat z.B. Nasdaq 100 die Aktie von SpaceX bereits aufgenommen, und das erst 3 Wochen nach dem Börsengang.
Für mich persönlich ist das Risikomanagement das A und O des erfolgreichen Investierens, auch dann, wenn man sich an einem laufenden Hype nicht beteiligt. Vorsicht ist immer besser als Nachsicht. Gerade wir in Deutschland bekommen es seit dem Jahr 2022 vor Augen vorgeführt, was passiert, wenn man kein aktives Risikomanagement betreibt. Dazu nur ein paar Beispiele:
Energiekrise als Folge des russischen Überfalls auf die Ukraine und die deutsche Abhängigkeit vom russischen Gas
Eine einseitige Ausrichtung der Wirtschaft auf den Export und besonders die wirtschaftliche Abhängigkeit vom chinesischen Markt
Militärische Abhängigkeit von den USA und die jahrzehntelange Weigerung in eigene Wehrfähigkeit zu investieren
Zerfall der kritischen Infrastruktur (Bahn, Brücken, etc.)
Die Liste kann noch sehr lang fortgeführt werden.
Im Bereich Investitionen und Risikomanagement folge ich Howard Marks. Er ist der Gründer von Oaktree Capital Management und einer der angesehensten Value-Investoren weltweit (sogar Warren Buffett liest seine Memos mit großer Aufmerksamkeit) und hat eine sehr klare und oft konträre Sicht auf das Thema Risiko. Seiner Ansicht nach ist das Risiko der interessanteste, herausforderndste und wichtigste Aspekt des Investierens. Bei jedem Kauf ist die Einschätzung des Risikos unabdingbar.
Das Risikomanagement zeigt sich nicht in guten Zeiten, sondern erst, wenn es crasht. Auch FOMO (Fear of missing out) ist ein Risiko, bitte nicht vergessen. FOMO ist die Angst, etwas zu verpassen, Renditen, Chancen, die auf den ersten Blick den anderen Teilnehmern einfach so zufließen. Lassen Sie sich nicht täuschen, FOMO kann sehr gefährlich sein. Ein guter Investor ist immer ein Skeptiker.
Wir können die Risiken nicht zu 100% vorhersagen, schon gar nicht, ob und wann sie eintreten. Das hat schon Nassim Taleb in seinem Buch „Narren des Zufalls: Die unterschätzte Rolle des Zufalls in unserem Leben“ sehr gut aufgezeigt. Wir können und sollen uns mit Risiken auseinandersetzen, sie zu erfassen und zu benennen versuchen und sie mit einem System möglichst gut steuern.
In diesem Artikel haben wir versucht, die aktuellen Risiken des KI-Booms in diesem Artikel zu benennen und zu erfassen. Wir haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, es ist schlicht unmöglich. Dennoch soll dieser Artikel einen Denkanstoß geben und zu Vorsicht und Risikomanagement mahnen.
Wie immer, wir recherchieren, Sie treffen Entscheidungen.
Wir wünschen Ihnen viel Erfolg und möglichst Spaß auf Ihrem spannenden Weg des Investierens.
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